Traumhaft, wundervoll, atemberaubend, bezaubernd…was noch? Ah ja: La Rochelle!

Am nächsten Morgen bin ich extra eine halbe Stunde früher als nötig zum Bahnhof losgegangen um mich mit meiner Mitfahrgelegeneit von BlablaCar zu treffen. Leider fand ich keinen ausgewiesenen Parkplatz und hatte auch sonst keine Informationen über Ausweichmöglichkeiten für Autofahrer.

Also lief ich mehrmals den gesamten Bahnhof außen und innen ab und hielt nach de, beschriebenen weißen Auto Ausschau – nichts. Im Bahnhof versuchte ich, mich schnell ins Wlan einzuloggen und schrieb der Fahrerin über die App – keine Antwort, WhatsApp hatte sie auch nicht. In der Informationsstelle im Bahnhof sprach man, wie könnte es in Frankreich auch anders sein, kein bis nur sehr wenig Englisch. Als ich dann kurz vor 10 Uhr (Abfahrtszeit) erfuhr, dass es unter dem Bahnhof noch eine große Tiefgarage gibt, sah ich meine Mitfahrgelegeneit schon vor meinem geistigen Auge ohne mich davon sausen. Enttäuscht und von einem letzten Aufkommen von Panik getrieben ging ich nochmals aus dem Bahnhofsgebäude Richtung Straße, und da stand tatsächlich ein Auto das zu der Beschreibung passte, und eine ältere Dame davor, die ebenfalls passte. Es war tatsächlich Françoise, eine 71 jährige resolute Französin, die gerade das Gepäck der anderen beiden Mitfahrer in ihren winzigen Kofferraum hiefte. Schnell flitzte ich zum Auto und war heilfroh, schließlich neben meinem großen Rucksack auf der Rückbank zu sitzen – der hatte natürlich nicht mehr in den Kofferraum gepasst.
In La Rochelle angekommen, musste ich erst einmal auf meinen Couchsurfing Gastgeber Nicolas warten. Zum Glück war ich nicht allein: einer der Mitfahrer wartete auf seine Freundin, die ihn eigentlich pünktlich abholen sollte, aber immer zu spät ist. Bei der Gelegenheit haben wir uns gut auf Französisch unterhalten – eine geschlagene Dreiviertelstunde – und ich habe viele Tips für die Umgebung bekommen. Zu diesem Zeitpunkt ging ich noch davon aus, dass ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Île de Ré fahren müsste und der Mitfahrer googelte schnell für mich die Abfahrtszeiten der Busse. Als Nicolas dann kam, entschuldigte er sich hundertfach für die Verspätung. Als Entschädigung lud er mich zum Mittagessen ein. Mit seinem Auto fuhren wir in die Innenstadt und aßen in einem neuen schicken Restaurant. Dort werden nur Zutaten aus der Region verwertet und die Betreiber haben enge Kooperationen mit den örtlichen Landwirten. Spätestens dort machte Nicolas klar, dass, wenn ich gerne auf die Île de Ré wollte, er mich selbstverständlich fahren würde. Das war eine sehr positive Überraschung, die meinen Aufenthalt in La Rochelle letzten Endes sehr viel einfacher gemacht hat. Beim Essen lernten wir uns etwas besser kennen. Nicolas ist ein recht arbeitswütiger Mensch, sehr kreativ und ein Gourmet. Er hat die kulinarische Hochschule von La Rochelle besucht, die beste in Frankreich! Dementsprechend kennt er sich mit Käse, Weinen und vielem mehr bestens aus. Er wollte mit seinem Abschluss aber nie in die Küche gehen. Stattdessen arbeitet er im Marketing, was auch viel besser zu ihm passt.


Nach dem Essen fuhren wir erst einmal in seine Wohnung, damit ich meinen großen Rucksack ablegen und mich frisch machen konnte. Um den Nachmittag – und die Sonne – noch auszunutzen, machten wir uns direkt auf den Weg. Nach der Stadt kommt man zu einer Brücke, für die man einmal 8€ als Gebühr zahlen muss. Dieses Geld geht zu 100% in die Entwicklung nachhaltiger (Energie)Projekte in La Rochelle. Tatsächlich ist die Stadt eine der ersten in Europa gewesen, die Elektroautos wie Stadträder anbot und rühmt sich auch sonst mit einem extrem grünen Image.
Auf der Insel angekommen, fuhren wir erst einmal durch ein paar Gegenden hindurch und während Nicolas über die Insel erzählte, kam ich aus dem Staunen über ihre Schönheit kaum heraus. Mir kam dabei sehr zugute, dass Nicolas hier einmal in der Touristeninformation gearbeitet hat und dementsprechend viel über die Region weiß.
An verschiedenen Orten stellten wir das Auto ab, gingen ein wenig zu Fuß, sprachen über die Insel, fuhren weiter. So hielten wir auch einmal an einer der vielen Salzfarmen und Nicolas erklärte mir, wie hier im Sommer drei verschiedene Salzsorten gewonnen werden. Diese Produktion nutzt nur die Sonne als Energiequelle. Im Ort Saint-Martin-de-Ré liefen wir den Hafen entlang in die Innenstadt und stiegen auf den Kirchturm. Oben gibt es eine Aussichtsplatform. Als ich die Sicht über die gesamte Insel mit der sich neigenden Sonne erhaschte, konnte ich meinen Augen kaum trauen. Ein heftiges “Woah!” entwich mir und Nicolas stimmte mir nickend zu. Die Aussicht war einfach atemberaubend, die späte Nachmittagssonne trug ihren Teil dazu bei.

Ich wollte mich lange nicht von diesem Anblick trennen, doch eine Überraschung hatte Nicolas noch für mich. Im nächsten Ort, La Flotte, spazierten wir die Strandpromenade bis zum kleinen Hafenbecken entlang. Die Stille, die Sonne, die Seevögel erzeugten in mir ein tiefes Gefühl der Erholung. Auf einer Bank am Hafenbecken blieben wir noch etwas sitzen. Schließlich stand Nicolas auf. Er habe noch eine Überraschung für mich, erklärte er, aber dafür müssten wir vor Sonnenuntergang dort sein.

Und was für eine Überraschung das sein sollte! Nur wenige Fahrtminuten von La Flotte entfernt, auf einer riesigen flachen Rasenfläche, stehen einsam die Ruinen vom Kloster Nôtre-Dame-de-Ré, genannt Les Châteliers, aus dem 14. Jahrhundert. Dort starb am 29. November 1463 Maria von Anjou, Königin von Frankreich, als Witwe des Königs Karl VII von Frankreich.
Für die Szene, die sich uns dank der untergehenden Sonne bot, gibt es einfach keine Worte. Die Bilder sollten für sich sprechen.

Nach den Besichtigungen auf der Insel spazierten wir noch etwas durch die Innenstadt und gönnten uns danach ein Bier im Irish Pub in der Innenstadt von La Rochelle. Dann ging es zurück zur Wohnung, wo Nicolas im Keller nach einem passenden Wein für das Abendessen suchte. Dabei stellte er mir verschiedene Weine vor, gab kurze Erklärungen und erzählte, wozu man diese gut trinken könne. Ein paar der Flaschen waren normal im Preis, andere kosteten bereits bei der Anschaffung ein paar hundert Euro und waren seitdem im Wert noch erheblich gestiegen. Alle waren selbstverständlich exquisit. Für uns nahmen wir einen süßen Weißwein, denn Nicolas wollte Spaghetti mit Lachs und Parmesan machen. So simpel – und doch so herrlich! Und der Wein war einer der besten, die ich je probiert habe. Danach quatschten wir bis 1:30 Uhr am Morgen.

Am nächsten Tag setzte mich Nicolas gegen 11 Uhr mit meinem Gepäck am Hafen vor der Touristeninformation ab. Er selbst musste zu einem Familienessen und hatte daher den Rest des Tages keine Zeit mehr für mich. Aber das machte mir absolut nichts aus.

Direkt gegenüber gab es einen tollen Flohmarkt mit vielen Antiquitäten, über den ich genussvoll schlenderte und dabei die Sonne genoss. Dann ging es das Hafenbecken entlang zu einem der drei Wachtürme am Eingang des Hafens. Diese Wachtürme wollte ich eigentlich besichtigen, aber mit meinem großen Rucksack ließ man mich nicht hinauf. Einmal wegen der schmalen Treppen, einmal aus Sicherheitsgründen, denn das Attentat von Nizza wiegt noch schwer im Bewusstsein der Franzosen. Das sollte ich später noch öfters zu spüren bekommen. Das Touristenbüro nahm meinen Rucksack ebenfalls nicht. Aber ich wollte mir dadurch nicht den Tag vermiesen lassen – schon gar nicht bei der schönen Sonne! Also schlenderte ich mit Sack und Pack um das Hafenbecken herum, machte Fotos und aß etwas. Schließlich ging ich zum Bahnhof. Von dort aus wollte ich, wieder mit einer Mitfahrgelegeneit, nach Nantes.

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