Dass ich noch nicht so bewandert in der Reiseplanung bin zeigt sich daran, dass ich am Morgen in Nantes noch keine Unterkunft für die kommende Nacht hatte. So kurzfristig konnte und wollte ich nicht auf Couchsurfing Gastgeber warten und Hostels fand ich keine in Tours. Also buchte ich von Nantes aus nach dem Frühstück ein günstiges Hotel in einem südlichen Vorort von Tours. Mit der Mitfahrgelegenheit ging es am Nachmittag von Nantes los. Und spätestens kurz vor Tours wurde mir klar, dass ich noch so einiges in Punkto Reiseplanung zu lernen hatte.

Das Hotel lag zwar eigentlich relativ gut zu erreichen an der Autobahn, doch die Abfahrt war gesperrt, sodass wir einen großen Bogen fahren mussten, bis wir überhaupt in dem Ort ankamen. Natürlich war es schon dunkel und ich war heilfroh darum. Denn das veranlasste den Fahrer, mich direkt bis zur Tür fahren zu wollen. Unendlich dankbar, dass ich so gut angekommen war, checkte ich in das erste Hotel auf meiner Reise ein.

Besonders genossen habe ich hier sehr, alleine zu sein. Auch wenn die Wände so dünn waren, dass man glaubte, direkt neben seinem Nachbarn zu liegen, war es doch sehr schön, die Tür hinter sich zu schließen und mal wieder nur für sich zu sein. Mit gutem Gewissen schaltete ich den Fernseher ein und während ein Film mit Dany Boom lief, verschickte ich fleißig Fotos an meine Familie.

Am nächsten Morgen wurde ich von…naja, man muss sie in diesem Fall Idioten nennen…also ich wurde von Idioten geweckt, die früh eincheckten und ihre Tür nicht aufbekamen. Sie unterhielten sich morgens um 7 Uhr laut auf dem Flur, rissen an ihrer Tür herum und riefen schließlich den Flur hinunter zur Rezeption, bis die Dame kam und mich endlich erlöste. Ich konnte hören, dass sie einige Zimmer weiter den Flur hinunter ein Zimmer hatten. Ich konnte sie allerdings auch noch hören, als sie ihr Gepäck ablegten und es sich gemütlich machten. Ja, so hellhörig war dieses Hotel! Normalerweise würde ich ja versuchen wieder einzuschlafen, zumal ich noch total müde war. Doch der Ärger über die Dummheit und Rücksichtslosigkeit einiger Menschen hatte mich unruhig gemacht, damit war an Schlaf nicht mehr zu denken. Außerdem hatte ich noch etwas wichtiges zu erledigen. Da ich das Hotel recht kurzfristig gebucht hatte, hatte ich noch keine Möglichkeit gehabt zu prüfen, wie ich überhaupt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt kam. Lange musste ich suchen – ich sagte ja bereits, dass ich noch einiges zu lernen habe – bis ich endlich heraus fand, dass es tatsächlich zwei Buslinien keine 5 Gehminuten vom Hotel entfernt gab, die in die Stadt fuhren. Da war ich aber erleichtert. Bei der Suche war schon die Angst in mir hochgekrochen, dass ich hier recht abgeschnitten von Bus und Bahn säße und mit der Buchung dieses Hotels einen großen Fehler gemacht hatte. Aber das war natürlich Unsinn – meine Unerfahrenheit.

Also machte ich mich fertig, packte meine Regenjacke und Proviant ein und kaufte im Bus ein Tagesticket. Die Fahrt bis ins Stadtzentrum dauerte 45 Min. Während dieser Zeit malte ich mir meinen Tag aus. Ich wollte nämlich gerne die beiden Schlösser Villandry und Azay-le-Rideau besuchen. Aber weil ich auch hierzu noch keine eindeutigen Informationen bekommen hatte, ging ich zunächst in das Tourismusbüro gegenüber vom Bahnhof. Die Frau am Schalter schüttelte mitleidig den Kopf, als sie von meinen Plänen erfuhr. Ohne Auto sei es im Winter sehr schwierig, zu diesen beiden Schlössern zu kommen. Züge führen nur sehr wenige am Tag und die Bahnhöfe vor Ort seien ca. 5-7 km von den jeweiligen Schlössern entfernt, einen Bus in die Orte gebe es nur morgens für die Schulkinder. Während ich die Franzosen innerlich für ihre Kurzsichtigkeit verfluchte, schlug mir die Dame vor, stattdessen die Schlösser Langeais oder Chenonceau zu besichtigen. Sie seien ebenso bedeutend und hübsch, und ihre Bahnhöfe lagen direkt vor den Schlössern. Erfreut über eine Alternative hakte ich nach. Wie stünde es denn dort mit den Zugverbindungen? Könnte ich erst zum einen Schloss und am Nachmittag von dort zum anderen, am Abend dann vom zweiten zurück nach Tours?

Was denkt ihr? Nein, natürlich ging das nicht. Zwischen den Schlössern gab es natürlich keine direkte Zugverbindung und die Abfahrtszeiten seien natürlich auch so, dass man den größten Teil des Tages an einem Ort verbringen müsse, weil erst Stunden später ein Zug zurück nach Tours führe. Aber die genauen Abfahrtszeiten solle ich doch lieber im Bahnhof erfragen. Na toll. Mein ursprüngliches Ziel wurde immer weiter dezimiert. Dann legte mir die Dame einen Plan mit Bildern der Schlösser aus der Umgebung vor. Spontan entschied ich mich, nach Chenonceaux zu fahren. Die Frau zwinkerte mir zu, das sei auch ihr Lieblingsschloss. Ich verabschiedete mich. Auf der einen Seite war mein ursprünglicher Plan zunichte gemacht worden. Das kommt eben davon, wenn man in Frankreich in der Nebensaison ohne Auto reist. Aber auf der anderen Seite hatte ich nun konkrete Informationen, die mir immerhin ein gutes Gefühl gaben. Im Bahnhof kaufte ich mir das Zugticket nach Chenonceaux und weil ich noch etwas Zeit hatte, sah ich mir noch kurz die Altstadt an. Leider war das Wetter komplett gegen mich.

Es regnete die ganze Zeit und als ich mich auf den Rückweg zum Bahnhof machte, kam so ein heftiger Sturm auf, dass der Regen plötzlich waagerecht gegen meine Beine klatschte und die Leute in den umliegenden Restaurants Unterschlupf suchten. Meine Regenjacke hielt aber dicht und so stapfte ich mit klitschnasser Buchse wenig später den Bahnsteig entlang und setzte mich in den warmen Zug. Dort konnte ich zum Glück etwas trocknen, bevor ich in Chenonceaux im Touristenbüro mein Ticket für das Schloss kaufte. Weil ich noch keine 26 Jahre alt bin, bekomme ich in Frankreich in den allermeisten Fällen eine Ermäßigung für Schlösser und Museen. So auch hier.

Der Ort an sich ist nur ein winziges Dörflein, überragt vom Schloss. Dorthin führt eine lange Allee. Dank der Jahreszeit und des Wetters war kaum etwas los, sodass ich ganz in Ruhe herumschlendern und Bilder machen konnte.

Das Schloss

Chenonceau ist ein Wasserschloss. Das Hauptgebäude direkt am Ufer der Cher steht im Wasser, die nachträglich angebaute Galerie führt über den gesamten Fluss. Nach Versailles ist Chenonceau, auch Schloss der Damen genannt, das meistbesuchte Schloss in Frankreich. Der ursprüngliche Bau aus dem 13. Jahrhundert ging irgendwann aus privatem in adligen und schließlich in königlichen Besitz über. 1547 bestieg Henry II den Thron und schenkte Chenonceau seiner Mätresse Diane de Poitiers, die er ein Jahr später außerdem zur Herzogin ernannte. Diane ließ zahlreiche Veränderungen am Schloss durchführen und legte einen Garten an. 1555 erwarb sie das Schloss über Umwege offiziell mit ihrem eigenen Geld. Doch als der König 1559 starb, trieb seine Witwe Katharina de Medici die verhasste Konkurrentin aus dem Schloss. Diane bekam dafür das Schloss Chaumont. Die Königin ließ ebenfalls viele Änderungen vornehmen, unter anderem ließ sie die berühmte Galerie über dem Fluss bauen (schwarz-weiß gekachelter Fußboden) und sie legte ebenfalls einen Garten an. Das Schloss vermachte sie schließlich ihrer Schwiegertochter Louise. Ihr Schlafzimmer hatte mich besonders überrascht. Während alle anderen Räume im Schloss hell und groß sind, ist ihres komplett mit schwarzem Fußboden, schwarzen Tapeten und einer schwarzen Decke ausgestattet. Zudem hatte sie eine eigene Gebetsbank vor einem kleinen Fenster stehen. Louise war eine extrem religiöse Person und betete jeden Tag für die Seele ihres toten Ehegatten. Zudem trug sie seit seinem Tod bis zu ihrem nur noch weiße Kleider als Zeichen ihrer Trauer, was ihr den Beinamen La Dame Blanche einbrachte.

132 Jahre lang blieb Chenonceau in königlichem Besitz, doch es wohnte niemand in dem Schloss und es wurde völlig vernachlässigt. Schließlich fiel es 1733 in die Hände von Claude Dupin, Steuerpächter und später Verwalter der königlichen Krongüter. Seine Frau Louise machte das Schloss zum Treffpunkt der berühmtesten Philosophen und Literaten der damaligen Zeit – mit Gästen wie Voltaire und Montesquieu. Sogar Jean-Jacques Rousseau wurde von ihr als Sekretär und später als Erzieher für ihren Sohn beschäftigt. Ihrer Beliebtheit bei der Bevölkerung ist es zu verdanken, dass das Schloss während der Revolution weder geplündert noch beschädigt wurde. Zudem ist es wohl Louise, auf die die unterschiedliche Schreibweise des Schlossnamens (Chenonceau) und des Ortes (Chenonceaux) zurückgeht. Sie ließ beim Schlossnamen das X weg – ein Zeichen königlichen Besitzes – und zeigte so ihre Verbundenheit mit dem republikanischen Gedanken.

65 Jahre nach Louises Tod wurde das Schloss 1864 an Théophile Pelouze verkauft. Wieder war es eine Frau, die sich dem Komplex annahm: Seine Gattin Marguerite machte es sich zur Lebensaufgabe, das heruntergekommene Schloss im Stil des 16. Jahrhunderts wiederherzustellen. Doch die Restaurierung und der Erhalt der Anlage verschlangen ihr gesamtes Vermögen. So war sie 1888 gezwungen, Chenonceau an die Bank abzutreten. 1917 kaufte es der Schokoladenfabrikant Henri Menier. Das Schloss ist bis heute im Besitz seiner Familie und spielte in beiden Weltkriegen eine wichtige Rolle: Im ersten Weltkrieg diente die Galerie als Lazarett. Im zweiten Weltkrieg  gab es dann eine sehr kuriose Situation, die wohl etlichen Menschen das Leben gerettet hat: Von 1940 bis 1942 verlief die Linie zwischen der „freien Zone“ und dem von deutschen Truppen besetzten nördlichen Teil des Landes entlang des Flusses Cher und deshalb quer durch das Gebäude. Während der Haupteingang also auf besetztem Gebiet stand, lag der Südausgang der Galerie im freien Teil, sodass das Schloss einen häufig genutzten Fluchtweg darstellte.

 

Über die Jahrhunderte hinweg wurde das Schloss tatsächlich hauptsächlich von Frauen genutzt und verändert – darum heißt es auch Châteaux des Dames.

Überwältigt und vollkommen zufrieden mit meinem ersten Besuch eines Schlosses auf dieser Reise nahm ich um halb sechs den Zug zurück in die Stadt und dort den Bus zum Hotel. Gegen 20 Uhr war ich endlich zurück und konnte entspannt mit meiner Planung für Orléans beginnen. Davor wollte ich mir aber noch Blois anschauen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *